
Es ist wieder einige Zeit ins Land gezogen, oder in die Stadt. Mittlerweile hat sich mein Alltag fest etabliert. Und gleichzeitig sind wieder viele neue Erlebnisse dazugekommen. An einem Samstagabend bin ich in Qodesh, einem großen Kirchenkomplex nordwestlich vom Zentrum Accras. Richmond, einer meiner Schüler, hat mich eingeladen ihn zu begleiten. Ich treffe ihn bereits am Nachmittag an seiner Kirche in Korle Gonno, wo er noch eine Probe für den Sonntagsgottesdienst hat, danach nimmt er mich mit, hinten auf seinem Motorrad. Wer meine bisherigen Blogs gelesen hat, weiß wie es um den Straßenverkehr und die darin herrschende Hackordnung steht. Meine Gefühle wechseln während der Fahrt zwischen rebellischer Freiheit und einer mittelschweren Todesangst. Gegen 19 Uhr waren wir in Qodesh. Ich sitze im Kirchenschiff, er steht auf der Bühne am Saxofon und begleitet als Teil der Band den Gottesdienst musikalisch. Knapp zwei Stunden lang verharre ich in Trance oder schaue mich interessiert um oder denke über ganz viele Dinge in meinem Leben nach. Vorne wird viel und laut gebetet. Der tranceartige Zustand wird aufgebrochen durch neue Bibelverse, die an die Leinwand geworfen werden als Aufhänger für ein weiteres Stoßgebet. Zwei. Stunden. Stehen. Und. Beten. Beten, dass ich hinten auf dem Motorrad auch heile nach Hause komme. Dann ändert sich die Stimmung in der Kirche schlagartig. Das Gebet wird abgelöst von Tanz und Gesang. Aus Gottesdienst wird Popkonzert. Schlussendlich zieht sich der Gottesdienst bis Mitternacht. Mein erster Gottesdienst dauert ganze fünf Stunden. Die Osternacht kann einpacken. Eine Woche später lande ich wieder dort, diesmal ist der Gottesdienst mit zweieinhalb Stunden Länge fast schon entspannt und auch die Motorradfahrt verläuft wesentlich routinierter. Ich muss sagen, Accra am Abend, auf dem Motorrad, das kann was.
Im National Theatre probt das National Symphony Orchestra.
Am selben Tag, zu früherer Stunde, treffe ich mich mit Prince in Kaneshi. In seiner Kirche ist Familienwoche und der krönende Abschluss ist eine große Veranstaltung, bei der alle Gruppen der Gemeinde etwas zu Essen beisteuern. So komme ich in den Genuss von „boiled plantains“ mit Avocado und Erdnüssen. Ein Gaumenschmaus. Viele vegane Optionen gibt es nicht. Das bringt mich zu einem Thema, über welches ich ohnehin schon berichtet haben wollte – Veganismus in Ghana. Das westafrikanische Land bietet eine Vielzahl an Gerichten mit Fisch oder Fleisch oder Fisch und Fleisch. Da gibt es zum Beispiel Fufu, ein klebriger Brei aus Yamswurzel und Kochbanane in einer Fleischsoße oder Kenkey, ein klebriger Brei aus Mais mit geräuchertem Fisch und einer fischhaltigen Soße. Was ohne Fleisch und Fisch gekocht wird beinhaltet Eier. Daher habe ich mir angewöhnt zuhause zu essen und zu kochen. Ganz oben auf meiner täglichen Menükarte steht Reis mit Stew. In meinem Fall eine scharfe tomatenbasierte Soße mit ein wenig Gemüse und viel Öl. Vieles was es auf der Straße und in Restaurants zu kaufen gibt, kann ich gut zuhause nachkochen. So habe ich auch schon Kelewele (frittierte Kochbanane) probiert, Fufu (mit einer fleischlosen Soße) und Waakye (ein Reis-Bohnen-Gericht mit scharfer Soße). Manchmal frühstücke ich Weißbrot, aber meistens esse ich morgens, mittags und abends warm. Zwischendurch gibt es Obst: Orangen und Bananen sind das Häufigste, was ich esse. Generell ist aber die Obstlandschaft vielfältig und bietet außerdem Äpfel, Mangos, Ananas, Zitronen, Limetten, Passionsfrüchte und Wassermelonen. Auch Erdnüsse sind ein beliebter Snack.
Streetart.
Neben Prince und Richmond treffe ich Freunde wie Kojo, David und Jeffrey oder Kofi, treffe mich in Bars und verbringe so manche Abende mit Bier trinken und Karten spielen. Und auch in der Nachbarschaft gesellen sich mehr und mehr kleine Gespräche dazu, wenn ich zur Bushaltestelle gehe oder meine Einkäufe tätige. Die Kinder rufen nicht mehr „Obroni“, was übersetzt „Weißer“ bedeutet, sondern meinen Namen und freuen sich, wenn ich zurückwinke. Ich glaube auch in der Nachbarschaft bin ich mehr angekommen.
Apropos angekommen. Gestern haben Kojo und ich die neue Freiwillige Lisa am Flughafen in Empfang genommen. Das Leben in der WG bestreiten wir ab sofort zu zweit, zumindest für dich nächsten drei Wochen bevor noch mehr Verstärkung kommt. Neue Zeiten brechen an im Odehe Center in Teshie, Accra.
Gruß, David